Denis Scheck: Fragen an Anya Schutzbach und Rainer Weiss





DS: Die Hurenhaftigkeit der Autoren, die Borniertheit der Kritik, die Überforderung der Leser, Vertrieb, Medien, Marktstrukturen: nach allem, was ich höre, hat ein unabhängiger neuer Verlag fast keine Chance. Was setzen Sie dagegen?

 

Fast keine Chance ist mehr als keine Chance. Man muss überraschen, darf sich als Verlag – das ist ganz anders als früher – keine "Linie" verordnen, muss à la longue mehrere Marktsegmente bedienen können.

 

DS: Was bedeutet eigentlich der kuriose Hingucker .w in Ihrem Verlagsnamen weissbooks.w?

 

Da müssen wir ausholen: Wir wollten auf keinen Fall einen Verlag gründen, der bereits im Namen signalisiert, daß er so gar nichts Neues wagt und dem klassischen Verlagsmodell folgt: Schutzbach & Weiss – das wäre doch eher unoriginell gewesen. „Weiss“ hingegen ist nicht nur das schönste Wort für alles, was mit Freiheit, Papier, Gedanken zu tun hat, sondern auch der Name eines Mannes, der unter den Autoren und in der Branche einen Ruf hat. Nun gab es bereits einen „Weiss Verlag“, auch an eine noch freie Web-Domain war zu denken – da landete man irgendwann bei weissbooks.

 

Wie aber bricht man diesen trotz durch Anglizismus aufgepimpten konventionellen Verlagsnamen auf?

 

Durch den, wie Sie richtig bemerken, kuriosen Hingucker .w. Wir alle kennen die Bedeutung von .de, .com, .net – der Punkt nach dem Individualnamen signalisiert die Schwelle in die ein oder andere Netzwelt. weissbooks.w aber will in eine Welt/Domäne, die es noch nicht gibt, nämlich in die .w- Welt. Das w nach der Punkt-Schwelle kann stehen für .wunderbar, für .weltall, .wort oder .wahnsinn; es kann stehen für einen Ausschnitt der .wirklichkeit, durch die das Endlosband weissbooks.weissbooks.weissbooks.weissbooks.w … läuft.

 

DS: Welche Vision stand am Anfang? Oder nur die Lust am Tun?

 

Wir wollten von Anfang an Player sein, nicht der „kleine liebenswürdige Verlag von nebenan“. Daher haben wir zum Beispiel ein Umschlagkonzept entwickelt, das 2008 Furore machte – und auch sonst seitdem Tag und Nacht Gas gegeben.

 

DS: Was geht gar nicht?

 

Wir wagen zu behaupten: Alles geht – wenn eine Autorenhandschrift und eine überzeugende Idee dahinterstecken. Und wenn die verlegerische Vision und die entsprechende Überzeugungs- (sprich: Kommunikations-) kraft dann in der Lage sind, das der Welt auch mitzuteilen. Um ein Beispiel zu nennen: Am Anfang sagten wir: „Lyrik geht gar nicht“. Heute können wir konstatieren, dass die Gedichte der Schweizer Grand Dame der Lyrik Erika Burkart, Arezu Weitholz’ famose Fischgedichte und das BilderReimbuch von Franz Dinda zu unseren meistverkauften Titeln gehören.

 

DS: Sie haben beide lange verantwortlich im Suhrkamp Verlag gearbeitet. Was ist nun im eigenen Verlag anders?

 

Vom Tanker aufs Motorboot: Wir können rasch entscheiden, haben keinen Ballast zu transportieren – freilich auch keinen „Ballast“ namens Backlist … Wir müssen keine Rücksicht auf Empfindlichkeiten nehmen, sind allein der Sache verpflichtet, und es gibt keine innere Zensurbehörde.

 

DS: Was ist der größte Unterschied zwischen weissbooks.w und Suhrkamp?

 

Um ein Zitat von Siegfried Unseld zu variieren: Die permanente Höhenluft des weissbooks.w-Verlags. Aber Spaß beiseite: Die Luftqualität ist das eine – das andere sind Themen wie Vertriebsmacht, Werbebudgets, die bereits erwähnte Backlist und ihre Folgen. Mit den bescheidensten Mitteln, sagen wir: Mit drei Geigen gute und laute Musik zu machen, ist eine Herausforderung, die wir in dieser Schärfe bei Suhrkamp nicht kannten.

 

DS: Wie sieht der Quellcode Ihres Verlags aus? Haben Sie ein

Programm?

 

Kein Programm, aber unseren Claim: weissbooks.w ist „Der Verlag für zuverlässige Überraschungen“.

 

DS: Daniel Zahno, Erika Burkart, ein Buch über das Zürcher Restaurant Kronenhalle – fahren Sie öfter in die Schweiz, um Coupons zu schneiden, oder wieso diese Swissness in Ihrem Programm?

 

Wir haben beide eine große Affinität zur Schweiz. Vielleicht auch, weil wir beide Alemannen sind und weil wir den Eigensinn der Schweizer mögen. Und ihre große Begabung: treu zu sein.

 

DS: Wieso machen Sie das statt irgendwo ordentlich Geld zu verdienen?

 

Ob wir dann glücklich wären?

 

DS: Ihr bislang größter Fehler – was würden Sie heute gewiss anders machen?

 

Die Ungeduld. Jetzt, nach dreieinhalb Jahren, wollen wir uns ab und zu mal einen freien Tag gönnen.

 

DS: Drei Bücher, die Sie um keinen Preis, drei Bücher, die Sie um jeden Preis verlegt hätten?

 

Um keinen Preis:

1)       Der erfolgreiche GmbH-Geschäftsführer

2)       Roman Koidl: Scheißkerle

3)       Ulrich Rosenbaum: Rudolf Scharping

 

Um jeden Preis:

1)       Charlotte Roche: Feuchtgebiete

2)       Stéphane Hessel: Empört Euch

3)       Ilma Rakusa: Mehr Meer

                                                                                                                                           

 

Interview: Dennis Scheck

Juli 2011