„Die Beziehung zwischen Yankele und Dorale ist womöglich das Schönste, was mir je begegnet ist.“

Ein Interview von Dierk Wolters mit Vanessa F. Fogel über "Hertzmann's Coffee"

Frau Fogel, Ihr Roman beginnt damit, dass der pater familias und Großvater die Welt nicht mehr versteht. Alles hat er für die Zukunft seiner Kinder getan, und jetzt sind die undankbar! Dabei sagt er über sich und seine Frau: „Vom Beginn unseres Lebens an war es immer schon zu spät für uns gewesen.“ Was meint er mit diesem Satz?

 

Es geht nicht um die Welt an sich, es geht um seine Welt, die Familienwelt, die Yankele Hertzmann einfach nicht mehr versteht. Natürlich hat er sie vermutlich nie verstanden, dieses Unverständnis wurde aber wahrscheinlich bislang nie hinterfragt.
Die Geschichte beginnt zu einem Zeitpunkt, an dem bestimmte Dinge in seinem Leben zu Ende gehen. Dadurch wächst eine Art Dringlichkeitsgefühl, während ihm gleichzeitig die Kontrolle darüber entgleitet – und damit auch seine Verständnisfähigkeit.

Wie für viele Eltern war es auch für Yankele selbstverständlich, dass seine Kinder die Welt ähnlich sehen wie er. Doch seine Kinder sind Kinder anderer Umstände und anderer Zeiten und daher dazu nicht fähig. Was zu der Aussage führt, die Sie oben zitieren.

 

Ich würde gerne dazu den Kontext liefern: „Vom Beginn unseres Lebens an war es immer schon zu spät für uns gewesen“– um das Leben unbelastet genießen zu können. Für ihn und seine Frau war es immer zu spät aufgrund von Umständen. Sie kamen zur falschen Zeit zur Welt.

 

Die Familiengemeinschaft, die Yankele, der Senior, so gern hochhält, ist in Wahrheit eher eine Kampfgemeinschaft: jeder gegen jeden. Wie kann es sein, dass die Zeitläufte eine solche Verrückung der Werte mit sich bringen?

 

Ich weiß nicht, ob ich es eine “Kampfgemeinschaft” nennen würde, ich würde einfach Familie dazu sagen. Verschiedene Dinge spielen da eine Rolle. Zu allererst ist “Hertzmann‘s Coffee” die Geschichte eines Familienunternehmens, und alle Familienunternehmen sind per se paradox: Familien sind soziale Systeme, den anderen unterstützend, basierend auf Emotionen, während Unternehmen dazu neigen, zu konkurrieren, einem antagonistischen Prinzip zu folgen und auf Werten von Entfremdung basieren.

Zum Zweiten sind Familiendynamiken sehr kraftvoll. Oft wird es den Individuen nicht gestattet, sich zu verändern oder sich weiterzuentwickeln, was zu Konflikten führen kann, manchmal mehr, manchmal weniger ausgeprägt. Manchmal ist das lustig, manchmal aber auch eher tragisch. Ich weiß nichts über die “Verrückung der Werte” – ich schreibe nur, ich urteile nicht.
 

Die Spurensuche führt den alten Yankel tief in seine eigene Kindheit, obwohl er das eigentlich nicht will. Einmal sagt er: „Mierda, ein Mann in meinem Alter sollte seine Zeit nicht mit Kindheitserinnerungen verplempern“. Warum sträubt er sich so?

 

Die Spurensuche führt Yankele in seine Kindheit zurück. Aber die Spurensuche führt auch José-Rafael und Marc, die beiden anderen Protagonisten, in IHRE Kindheiten zurück – in das Venezuela der 70er und in das Berlin der 90er Jahre. Jeder der Drei ist geprägt durch seine Vergangenheit, aber nicht in ihr eingesperrt.

Es gibt weitere Gemeinsamkeiten: Im Zentrum der jeweiligen Geschichten liegt auch eine Geschwister-Geschichte. Und eine Geschichte, die versucht, das Gewicht von “Reue” und “Schuld” als eine nur durch die Zeit verständlich machende zu erklären.
 

Yankel stellt fest: „Es war nicht leicht, in der Zeit zurückzureisen“, lässt aber nicht davon ab. Hilft ihm das, sich in der Gegenwart, gegenüber seinen untereinander verfeindeten Kindern, zurechtzufinden?, oder, allgemeiner gefragt: Was haben Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu tun?

 

Die kurze Antwort lautet: Alles und nichts.

Die längere Antwort wäre: Alles, weil Vergangenheit und Gegenwart ein und dasselbe sind; nichts, weil die Gegenwart in Wahrheit nur existieren kann, wenn es keine Spuren der Vergangenheit in ihr gibt und vice versa.
 

Yankel ist wie aus der Zeit gefallen: Das Internet kennt er nicht, und folglich auch nicht YouTube. Dann aber nimmt er den Kampf mit der Gegenwart auf – auch mit Hilfe seiner Frau. Was bedeutet sie ihm, was bedeutet die Liebe im Licht des abnehmenden Lebens?

 

Yankele ist ein alter Mann mit einem jungen Herzen. Er ist verspielt, auf eine Art, wie es nur wenige ältere Menschen sind, das zeigt sich auch in der Beziehung zu seiner Frau. Ja, er ist nicht mit dem Internet verbunden und ist auch nicht  up to date, was YouTube angeht, aber es fasziniert ihn und er hat keine Berührungsängste. Das ist ungewöhnlich und ermöglicht ihm, es zu seinem Vorteil zu nutzen.

Was die “Bedeutung der Liebe” angeht, beschwört der Roman keinesfalls eine Romantik des Älterwerdens – weder aus meiner Sicht, also der der Autorin, noch aus Sicht der handelnden Personen, also Yankele. Von daher wäre die Bedeutung von Liebe “im Licht des abnehmenden Lebens” dieselbe wie während des ganzen Lebens. - Die Beziehung zwischen Yankele und Dorale ist womöglich das Schönste, was mir je begegnet ist.

 

Frankfurt / Tel Aviv,

im Mai 2014